Liberalisiert endlich unsere Daten!

Liberalisiert endlich unsere Daten!

Der Datenskandal um Facebook weitet sich aus, die Aufregung ist groß. Doch eine Forderung habe ich nach wie vor nicht gehört. Daher will ich sie heute aussprechen: Liberalisiert endlich unsere Daten!

Der Datenskandal um Facebook und Cambridge Analytica nimmt immer neue Ausmaße an[1]: Weltweit sollen inzwischen rund 87 Millionen Benutzer betroffen sein, in Deutschland sind es immerhin potentiell 310.000 Benutzer[2]. Mancher hat seinen Account bereits gelöscht (Stichwort #DeleteFB[3]), die meisten drohen jedoch wohl nur damit oder verhalten sich gänzlich still - denn wer will schon sein soziales Netzwerk abschalten?

Facebook und andere Plattformen profitieren vom sogenannten Netzwerkeffekt: Der Nutzen steigt durch die hohe Nutzerzahl[4], bzw. ist erst durch diese wirklich gegeben. Dadurch haben derartige Plattformen eine Monopolstellung und sind praktisch unangreifbar. Selbst Google ist mit seinem Facebook-Konkurrenten Google+ gescheitert. Wie sollte es da jemals ein StartUp schaffen können, einen Konkurrenten aufzubauen?

In der öffentlichen Debatte hört man dabei stets die gleichen Sätze: "Meine Daten gehören mir!" oder "Facebook muss sich endlich an die Datenschutzgesetzte halten!". Weshalb solche Aussagen nicht hilfreich sind, möchte ich kurz erörtern.

Daten gehören niemandem

Daten existieren, sie gehören aber niemandem. Wir können uns das anhand eines Beispiels vor Augen führen: Ein physisches Bild kann ich besitzen. Ich kann es in meiner Wohnung aufhängen, verkaufen oder auch öffentlich ausstellen. Und wenn mir jemand das Bild klaut, kann ich zur Polizei gehen, den Täter ermitteln und bestrafen lassen.

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Anders sieht das aus, wenn ich das Bild jemandem aus freien Stücken zeige: Seine Wahrnehmung bzw. seine Erinnerung an das Bild gehört mir nicht. Ich kann sie auch nicht kontrollieren. Die Erinnerung gehört jedem Betrachter ganz individuell.

Sind Bilder etwa keine Daten?

Um bei der Metapher zu bleiben: Facebook ist wie eine Gallerie in der ich mein Bild ausstelle. Was der Betrachter wahrnimmt, sind die Daten. Und wenn er sehr viele Bilder anschaut, nimmt er sehr viel wahr. In anderen Worten: Er bekommt Unmengen von Daten, aber nie das Bild. Die Daten gehören mir jedoch nicht und grundsätzlich kann er damit ersteinmal machen, was er will. Rückschlüsse, die er aufgrund dieser gesammelten Daten zieht, führen bei ihm zu Wissen, welches er ggf. sogar verkaufen kann. Man würde ihn dann vielleicht als Kunstexperten bezeichnen.

Habe ich denn gar keinen Einfluss darauf, was mit den Daten passiert?

Doch. Auch ein Künstler kann bestimmen wo, wem und unter welchen Bedingungen er seine Bilder zeigt. Eine Ausstellung kann zum Beispiel nur einem eingeschränkten Besucherkreis gezeigt werden. Und diese Besucher können dazu verpflichtet werden, die Bilder weder zu fotografieren noch öffentlich über sie zu sprechen. Sind sie mit diesen Bedingungen nicht einverstanden, müssten sie der Ausstellung fern bleiben.

Außerdem gibt es Gesetze, die den Markt regulieren. Denn ein einzelner Künstler hat womöglich keine Chance, sich gegen eine übermächtige, große Gallerie durchzusetzen. Auf Facebook bezogen heißt das: Ein einzelner User wird nicht direkt mit Facebook verhandeln können. Daher gibt es das Datenschutzgesetz.

Weshalb es aktuell keine Alternative zu Facebook geben kann

Machen wir ein Gedankenspiel: Angenommen, ich bin unzufrieden mit Facebook und möchte zu einem anderen sozialen Netzwerk wechseln. Das erste, was ich feststellen würde, ist, dass es im neuen Netzwerk ziemlich leer wäre: Meine Bilder, meine Erinnerungen, meine Posts - nichts davon ist da. Als ob ich in einem leeren Zimmer stehe. Zwar kann ich bei Facebook Einsicht in meine Daten verlangen, ich kann diese Daten jedoch nicht realistisch in ein anderes soziales Netzwerk übernehmen. Und selbst wenn: Es wären nur meine Daten. Die Posts von meinen Freunden würden in jedem Fall fehlen, schließlich habe ich sie nicht selbst eingestellt - sie gehören mir nicht.

Schwamm drüber - beginne ich eben von Neuem: Bilder hochladen, Lebensereignisse hinterlegen und fleissig über mein Leben berichten. Juhu! Es füllt sich. Doch, moment... hmm... da fehlt doch was. Genau: Meine Freunde. Die sind ja immer noch bei Facebook. Also fleissig einladen - die werden schon kommen. Oder eben auch nicht. Bestenfalls habe ich einige Freunde in meinem neuen Netzwerk. Doch ich werde nie alle Freunde dort haben. Das ist eben die Eigenschaft eines Wettbewerbsmarktes: Manchem gefällt der kleine Modeladen um die Ecke besser als das Einkaufszentrum, wieder ein anderer kauft lieber im Internet seine Kleidung. Ich werde nie alle im gleichen Laden antreffen.

Daher: Liberalisiert unsere Daten!

Was bei "klassischen" Produkten funktioniert, funktioniert bei Netzwerken nicht mehr. Denn diese bekommen ihren Nutzen erst durch die hohe Nutzerzahl. Und maximal ist der Nutzen eben dann, wenn ein Netzwerk alle Benutzer erreichen kann. Das ist wie beim Telefonieren.

Was meine ich nun mit "Liberalisierung der Daten"? Damit meine ich, dass Netzwerke nicht mehr an einen Anbieter gebunden sein dürfen. Vielmehr müssten Schnittstellen Pflicht sein, die es erlauben, von einem Teilnetz auf das andere zuzugreifen.

Technisch ist das möglich. Nur fehlt der Anreiz dazu. Und hier kommt in meinen Augen der Gesetzgeber ins Spiel:

So wie der Telefonmarkt liberalisiert wurde, müssen auch die sozialen Netzwerke liberalisiert werden: Wenn ich in meinem sozialen Netzwerk etwas poste, sollte dies für meine Freunde auch in deren sozialem Netz sichtbar sein. Ich "telefoniere" quasi von meinem Netz in das meiner Freunde.

Und so, wie es in anderen Märkten verbindliche Standards gibt (bspw. für Tankstutzen, Steckdosen oder Telefonnetze), sollte es auch Standards für soziale Netzwerke geben.

Und so, wie die Kartellbehörde darauf achtet, dass in klassischen Märkten keine Monopole entstehen, könnte sie das auch für den Digitalmarkt tun.

Doch halt...

Natürlich muss man beachten, dass Internetunternehmen davon leben, Daten zu sammeln und zu verkaufen. Das ist soweit vollkommen legitim. Die Grenze liegt dort, wo es meine Privatssphäre betrifft oder moralische Grenzen überschritten werden. Die Manipulation von Wählern wäre wohl eine solche moralische Grenze.

Die Frage ist, welchen Anreiz ein Unternehmen hätte, ein soziales Netzwerk zu betreiben, wenn es die gesammelten Daten kostenlos an ein anderes Unternehmen weitergeben müsste, welches dann damit Geld verdient. Vermutlich müsste man eine Art Transaktionsgebühr einführen. So wie bspw. die Telekom als Netzbetreiber Geld für die Vermittlung von Telefongesprächen anderer Anbieter bekommt.

Eine weitere Herausforderung wäre wohl unser geliebter Datenschutz: Der müsste vermutlich gelockert werden. Oder, wie ich das sehe: Er müsste etwas praxisnäher werden.

Ich möchte nicht behaupten, dass die Liberalisierung unserer Daten eine einfache Sache wird. Doch ich bin mir sicher, dass es der einzige Ausweg aus der aktuellen Situation ist. Nur so, hat der Benutzer einen Hebel in der Hand, um seine persönlichen Daten zu schützen. Oder in anderen Worten: Nur so kann ein Künstler die Gallerie wechseln, wenn diese Leuten den Zutritt zur Ausstellung gewährt, die nicht auf der Gästeliste stehen oder sich nicht an die vereinbarten Regeln halten.

Wie denkt ihr über die Sache? Ich bin gespannt auf Eure Rückmeldungen!


Bildnachweis:
https://pixabay.com/de/rufen-afro-megaphon-schreien-2946023/
https://www.pexels.com/photo/woman-standing-infront-of-a-wall-mount-painting-220694/


  1. https://www.heise.de/thema/Facebook_Datenskandal ↩︎

  2. https://t3n.de/news/facebook-skandal-deutsche-nutzer-1008017/ ↩︎

  3. https://twitter.com/search?q=%23deleteFB ↩︎

  4. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/netzwerkeffekte-51385 ↩︎

Christian Geiger

Als Digital Native lebe ich in einer Welt, als Unternehmer in der 4. Generation in einer ganz anderen. Doch es gibt nur eine Zukunft. Meine Aufgabe: Der Brückenschlag.